Wann wird der defensive Sektor wieder interessant?
Versorger befinden sich derzeit in einer ungewöhnlich spannenden Ausgangslage. Auf der einen Seite steht ein makroökonomisches Umfeld, das für den Sektor kaum anspruchsvoller sein könnte: Langfristige US-Renditen bewegen sich wieder in Richtung 5%, Energiepreise treiben die Inflation erneut nach oben und selbst weitere Zinserhöhungen der Federal Reserve sind zurück auf dem Tisch. Auf der anderen Seite hat genau dieser Druck begonnen, Bewertungen, Positionierung und die interne Marktstruktur des Sektors deutlich zu verändern.
Damit entsteht eine Konstellation, die wir für besonders interessant halten. Nicht, weil der Gegenwind für Versorger bereits verschwunden wäre, sondern weil die Kurse zunehmend beginnen, diesen Gegenwind zu reflektieren. Sollte sich gleichzeitig das Umfeld am breiteren Aktienmarkt verschlechtern, könnten Versorger wieder stärker in den Fokus einer defensiven Sektorrotation rücken.
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Der Kampf um Kapital wird härter
Wer Versorger aktuell analysiert, muss beim Anleihemarkt beginnen.
Versorgeraktien nehmen traditionell eine besondere Rolle innerhalb eines Aktienportfolios ein. Relativ stabile und planbare Zahlungsströme, regulierte Geschäftsmodelle und attraktive Dividenden machten den Sektor über Jahrzehnte zu einer Art Hybrid zwischen klassischer Aktienanlage und laufendem Einkommen. Besonders ausgeprägt war dieser Vorteil während der Niedrigzinsphase: Wenn Staatsanleihen kaum Rendite boten, war eine Dividendenrendite von drei oder vier Prozent ausgesprochen attraktiv.
Heute sieht diese Rechnung vollkommen anders aus.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte am 9. September bereits 4,85% und bewegt sich damit unmittelbar in Richtung der psychologisch wichtigen 5%-Marke. Gleichzeitig stehen auch die längeren Laufzeiten unter erheblichem Verkaufsdruck. Der Versuch des US-Finanzministeriums, über größere Rückkäufe die Liquidität am langen Ende der Zinskurve zu unterstützen, konnte den Renditeanstieg bislang nicht nachhaltig stoppen.
Für Versorger entsteht daraus ein direkter Kampf um Kapital. Ein Investor muss heute nicht mehr zwischen einer Versorgeraktie mit attraktiver Dividende und einer nahezu unverzinsten Staatsanleihe wählen. Er kann eine Rendite von fast 5% mit zehnjährigen US-Staatsanleihen erhalten, ohne dabei Unternehmens-, Gewinn- oder Aktienmarktrisiko übernehmen zu müssen.
Gleichzeitig trifft der Zinsanstieg den Sektor auf einer zweiten Ebene. Versorger gehören zu den kapitalintensivsten Geschäftsmodellen am Aktienmarkt. Stromnetze, Kraftwerke, Erzeugungskapazitäten, erneuerbare Energien und der Ausbau der Infrastruktur erfordern erhebliche Investitionen und damit regelmäßig Zugang zum Fremdkapitalmarkt. Höhere Renditen erhöhen folglich nicht nur die Opportunitätskosten für Investoren, sondern auch die Finanzierungskosten der Unternehmen selbst.
Genau deshalb ist die Entwicklung, die wir bereits in unserer letzten Anleihemarkt-Analyse beschrieben haben, für Versorger so relevant. Steigende langfristige Renditen verändern die relative Attraktivität nahezu aller Anlageklassen – und wenige Aktiensektoren stehen dabei so unmittelbar im Wettbewerb mit festverzinslichen Anlagen wie Versorger.
Der aktuelle Inflationsschock verschärft dieses Problem zusätzlich. Brent-Rohöl ist wieder über die Marke von 100 US-Dollar gestiegen, während die US-Erzeugerpreise im August um 5,4% gegenüber dem Vorjahr zulegten. Die Fed hält ihre Zielspanne für den Leitzins aktuell bei 3,50–3,75%, doch nach den jüngsten Daten preist der Markt inzwischen rund 70% Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung beim kommenden September-Treffen ein. Das Narrativ einer stetigen geldpolitischen Lockerung ist damit vorerst verschwunden.
Und genau vor diesem Hintergrund wird die Bewertung interessant.
Das Forward-KGV des Sektors liegt aktuell bei ungefähr 16,5x. Der Fünfjahresdurchschnitt liegt dagegen bei etwa 17,5x, der Zehnjahresdurchschnitt bei rund 17,2x. Versorger handeln damit inzwischen unter beiden historischen Referenzwerten.
Das bedeutet noch nicht, dass der Sektor absolut günstig ist. Bei einer Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von fast 5% muss der Bewertungsabschlag heute größer sein als in einer Nullzinswelt. Aber der entscheidende Punkt ist ein anderer: Der Zinsdruck beginnt sich sichtbar in den Kursen widerzuspiegeln.
Die Korrektur läuft – aber wir sehen noch keine Kapitulation
Auch das Rückschlagsprofil spricht für diese Interpretation.
XLU handelt derzeit ungefähr 7,8% unter seinem vorherigen Hoch. Historisch betrachtet ist das eine relevante Korrektur, aber keineswegs eine extreme. Während der deutlich aggressiveren Neubewertung des Sektors erreichten die Rückgänge vom jeweiligen Hoch zeitweise mehr als 20%.
Wir befinden uns damit in einer interessanten Zwischenphase. Ein Teil der vorherigen Bewertung wurde abgebaut, aber die Kursentwicklung zeigt noch keine klassische Kapitulation. Für uns ist das wichtig, weil die Investmentthese damit weniger auf einem extremen antizyklischen Signal basiert und stärker auf der Frage, ob sich die relative Attraktivität des Sektors verändert.
Und hier beginnt das Bild interessanter zu werden.
Die rollierende 60-Perioden-Korrelation zwischen XLU und dem S&P 500 ist zuletzt auf ungefähr -0,076 gefallen. Statistisch betrachtet bewegt sich der Sektor damit derzeit nahezu unabhängig vom breiteren Aktienmarkt.
Das ist kein Kaufsignal. Es ist aber für die Portfolioallokation relevant. Eine Sektorrotation setzt nicht zwingend voraus, dass Kapital den Aktienmarkt vollständig verlässt. In schwächeren Marktphasen verschiebt sich Kapital häufig innerhalb des Aktienmarktes: weg von hoch bewerteten oder konjunktursensitiven Bereichen und hin zu Geschäftsmodellen mit stabileren Zahlungsströmen und geringerer Gewinnabhängigkeit vom Konjunkturzyklus.
Versorger gehören traditionell zu den Sektoren, die von einer solchen defensiven Rotation profitieren können. Dass die Korrelation zum S&P 500 bereits gegen null gefallen ist, zeigt zumindest, dass der Sektor zunehmend von anderen Faktoren getrieben wird als der breite Markt.
Unter der Oberfläche nimmt der Stress deutlich zu
Noch interessanter wird die Situation beim Blick auf Positionierung und Marktbreite.
Die kapitalgewichteten Short-Positionen innerhalb des Sektors sind deutlich gestiegen und liegen aktuell bei ungefähr 23,6 Millionen. Damit befinden sie sich klar über ihrem langfristigen Durchschnitt und oberhalb des in unserer Analyse dargestellten oberen Standardabweichungsbereichs.
Fundamental ist ein Teil dieser Skepsis nachvollziehbar. Steigende Finanzierungskosten, attraktive Anleiherenditen und Unsicherheit über zukünftige Kapitalkosten liefern genügend Argumente gegen den Sektor. Trotzdem verändert eine zunehmende Short-Positionierung die Asymmetrie. Je stärker ein negatives Narrativ bereits in den Positionierungen der Marktteilnehmer sichtbar ist, desto geringer kann der zusätzliche Impuls sein, der benötigt wird, um eine Gegenbewegung auszulösen.
Sollten sich die Anleiherenditen beispielsweise lediglich stabilisieren – sie müssen dafür nicht einmal deutlich fallen – während gleichzeitig die Schwankungsintensität am Aktienmarkt steigt, könnte ein Teil dieser Positionierung schnell neu bewertet werden.
Gleichzeitig zeigt unsere Analyse der Marktbreite, dass die aktuelle Korrektur keineswegs nur auf wenige große Unternehmen beschränkt ist.
Die Zahl der überkauften Aktien auf Monatsbasis mit einem RSI über 70 ist zuletzt praktisch auf null gefallen. Der zuvor breite Kursimpuls wurde damit vollständig abgebaut.
Auch die vollständige RSI-Verteilung bestätigt diese Entwicklung. Ein zunehmender Teil der Indexmitglieder ist aus den oberen Dynamikbereichen in neutrale beziehungsweise schwächere RSI-Zonen zurückgefallen. Der Sektor befindet sich damit nicht nur auf Indexebene in einer Korrektur – die Schwäche hat sich intern verbreitert.
Noch deutlicher wird das bei den Trenddaten.
Der Anteil der Aktien oberhalb wichtiger mittel- und langfristiger gleitender Durchschnitte ist gegenüber den vorherigen Hochpunkten deutlich zurückgegangen.
Parallel dazu ist der Anteil der Indexmitglieder in vollständig intakten Aufwärtstrends gefallen, während mehr Aktien in Abwärtstrends übergegangen sind. Der Sektor befindet sich technisch also noch nicht an einem Punkt, an dem wir von einer bestätigten neuen Aufwärtsbewegung sprechen würden.
Das ist für unsere These entscheidend: Wir versuchen hier nicht, einem bereits bestätigten Trend zu folgen. Wir beobachten einen Sektor, dessen interne Struktur gerade zurückgesetzt wird.
Der langfristige Trend ist robuster als die kurzfristige Kursdynamik
Trotz dieser Schwäche gibt es einen bemerkenswerten Unterschied zwischen kurzfristiger und längerfristiger Marktbreite.
Der kumulative Advance/Decline Index liegt aktuell bei rund 9.524 und damit weiterhin relativ nahe am oberen Bereich seiner Einjahresspanne. Die jüngste Schwäche ist sichtbar, aber die langfristige Marktteilnahme ist bislang nicht in vergleichbarem Ausmaß eingebrochen.
Dadurch entsteht eine Divergenz: Kurzfristige Kursdynamik und Trendbreite verschlechtern sich deutlich, während die längerfristige kumulative Marktbreite wesentlich stabiler bleibt.
Genau solche Konstellationen sind für uns interessant. Entweder zieht die kurzfristige Schwäche irgendwann auch die langfristige Struktur nach unten – dann wäre die Korrektur struktureller als bislang angenommen. Oder die aktuelle Bewegung stellt primär eine Bereinigung innerhalb eines grundsätzlich intakten längerfristigen Trends dar.
Die Verteilung der Abstände zur 100-Tage-EMA unterstreicht diese Bereinigung. Ein großer Teil der Indexmitglieder ist inzwischen auf die negative Seite der mittelfristigen Trendstruktur gerutscht. Die vorherige breite Euphorie ist damit deutlich zurückgegangen.
Auch das Signal der 52-Wochen-Tiefs auf Monatsbasis zeigt bislang keine flächendeckende Kapitulation.
Trotz der sichtbaren Schwäche in den kurzfristigeren Indikatoren sehen wir also bislang keine Welle neuer langfristiger Tiefs im gesamten Sektor.
Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen einer normalen Korrektur und einem strukturellen Bruch des langfristigen Trends.
Nicht mehr nur eine Sektorwette
XLU besteht aus 30 Unternehmen und ist gleichzeitig relativ stark auf seine größten Positionen konzentriert. NextEra Energy besitzt beispielsweise ein Gewicht von rund 13%, gefolgt von Southern Company, Duke Energy und Constellation Energy.
Diese Unternehmen werden häufig unter demselben Begriff „Versorger“ zusammengefasst, ihre fundamentalen Treiber unterscheiden sich jedoch erheblich. Kapitalstruktur, regulatorisches Umfeld, Investitionsbedarf und insbesondere die Abhängigkeit von beziehungsweise Beteiligung an wachsender Stromnachfrage können sich stark unterscheiden.
Genau das beginnt der Markt stärker zu reflektieren. Unser Streuungsindex ist auf ungefähr 22,4% gestiegen und liegt damit deutlich oberhalb vieler Werte aus den Jahren 2021 bis 2023. Die Performanceunterschiede zwischen einzelnen Versorgern nehmen zu.
Das ist insbesondere vor dem Hintergrund des massiven zukünftigen Strombedarfs relevant. Rechenzentren, KI-Infrastruktur, Reindustrialisierung und Elektrifizierung verändern die Nachfrageprofile einzelner Strommärkte. Nicht jeder Versorger wird davon gleichermaßen profitieren – und nicht jedes Unternehmen besitzt dieselbe Bilanzqualität, um die dafür notwendigen Investitionen effizient zu finanzieren.
Eine steigende Streuung bedeutet deshalb: Die makroökonomische These kann für den gesamten Sektor gelten, während die tatsächliche Rendite zunehmend auf Ebene der einzelnen Unternehmen entschieden wird.
Auch die Volatilitätsstruktur spricht für eine stärkere Differenzierung. Rund 32% der Indexmitglieder weisen inzwischen einen IV Rank über 50 auf. Das ist noch keine sektorweite Stressphase, zeigt aber, dass erhöhte Unsicherheit inzwischen einen relevanten Teil des Universums erreicht.
Die Aktivität am Optionsmarkt passt in dieses Bild. Sowohl Kauf- als auch Verkaufsoptionen zeigen gegenüber ruhigeren Phasen deutlich erhöhte Aktivität und wiederkehrende Volumenspitzen. Investoren beginnen also sichtbar, Risiken und Chancen im Sektor aktiver zu handeln.
Warum das Timing jetzt interessant wird
Damit kommen wir zur eigentlichen Investmentthese.
Historisch wird die saisonale Struktur von XLU im weiteren Jahresverlauf konstruktiver. Unser kumulatives Saisonalitätsprofil steigt vom aktuellen Bereich um etwa 10% bis zum Jahresende in Richtung 15%. Saisonalität allein besitzt für uns wenig Aussagekraft. In Verbindung mit einer zurückgesetzten Bewertung, schwächerer Kursdynamik und zunehmend defensiver Positionierung wird sie jedoch interessanter.
Das makroökonomische Umfeld bleibt dabei der entscheidende Risikofaktor. Eine zehnjährige US-Staatsanleiherendite in Richtung 5%, Ölpreise über 100 US-Dollar und erneut steigende Inflationserwartungen sind kein klassisches positives Umfeld für Versorger. Im Gegenteil: Sollte der Ausverkauf am Anleihemarkt ungebremst weitergehen, dürfte der Bewertungsdruck auf den Sektor bestehen bleiben.
Genau deshalb sehen wir die aktuelle Situation auch nicht als einfachen „Versorger kaufen“-Ansatz.
Wir sehen sie als mögliche beginnende Veränderung der relativen Kapitalallokation.
In einem starken, von hoher Risikobereitschaft geprägten Markt haben Versorger derzeit zwei Konkurrenten: Wachstumsaktien bieten höhere Kurschancen, während Staatsanleihen fast 5% Rendite bieten. In einem schwächeren Aktienmarkt verändert sich diese Rechnung jedoch. Plötzlich gewinnen stabile Zahlungsströme, geringere Gewinnzyklik und Dividenden wieder an Wert.
Und genau hier könnte die nächste Sektorrotation entstehen.
Versorger müssen dafür nicht auf eine Rückkehr zur Nullzinspolitik warten. Sie benötigen wahrscheinlich nicht einmal aggressive Zinssenkungen. Schon eine Stabilisierung der langfristigen Renditen bei gleichzeitig zunehmender Unsicherheit am Aktienmarkt könnte das relative Verhältnis deutlich verändern.
Das macht die aktuelle Situation so interessant: Der Sektor kämpft weiterhin gegen einen der stärksten Konkurrenten aus dem festverzinslichen Bereich seit vielen Jahren. Gleichzeitig handelt er inzwischen unter seinen längerfristigen Bewertungsdurchschnitten, die Short-Positionierung ist erhöht, die kurzfristige Kursdynamik wurde deutlich zurückgesetzt und die Korrelation zum breiteren Aktienmarkt ist praktisch verschwunden.
Der makroökonomische Gegenwind ist also noch da.
Aber die Kurse beginnen zunehmend, dafür zu kompensieren.
Und genau deshalb könnten Versorger ausgerechnet in einem schwächeren Gesamtmarkt wieder interessant werden: nicht weil der Kampf um Kapital vorbei ist, sondern weil sich das Verhältnis zwischen Bewertung, Rendite und defensiver Qualität langsam wieder zugunsten des Sektors verschieben könnte.
Disclaimer
Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Analysezwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, Finanzinstrumenten oder anderen Vermögenswerten dar.
Die dargestellten Einschätzungen, Analysen und Markterwartungen basieren auf den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbaren Informationen und können sich jederzeit ändern. Historische Entwicklungen, statistische Zusammenhänge, Saisonalitäten und vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.
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